21. April 2012
ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PÄDAGOGIK
III. Jahrg., H. 2/3 „Nacktheit/Erziehung” Nov.-Dez. 1928
Wohin führt die Nackterziehung?
Von Wilhelm Reich (Wien)
Die Krisenhaftigkeit der heutigen Erziehung im allgemeinen und der Sexualerziehung im besonderen hat auch die Frage in den Vordergrund gerückt, ob man die Kinder an den Anblick des nackten menschlichen Körpers, genau gesprochen, der menschlichen Genitalien, gewöhnen soll oder nicht. Zwar ist man sich darüber einig — zumindest in Kreisen, die nicht allzu unmittelbar unter dem Einfluß der Kirche stehen — daß das sexuelle Heimlichtun unendlich mehr schadet als nützt; zwar besteht auch der redliche und energische Wille, die trostlosen Zustände in der Erziehung zu beheben, aber es existieren zweifellos auch schwere Widersprüche und Hemmnisse innerhalb der Gruppe der Erziehungsreformer, an denen, wie mir scheint, zweierlei Gründe deutlich zu unterscheiden sind: solche sub-jektiver (individueller) und solche gesellschaftlicher Natur. Der Aufforderung, als psychoanalytischer Arzt einen Beitrag zum Problem der Nackterziehung zu liefern, glaube ich am besten zu entsprechen, wenn ich mich auf die Diskussion einiger grundsätzlicher Schwierigkeiten beschränke, die sich schon mit der Aufstellung des Zieles „Nackterziehung” ergeben.
Zunächst die individuellen Schwierigkeiten. Die Freudsche Trieblehre, die durch Erforschung der kindlichen Sexualität sich ergeben hat, behauptet, daß der Sexualtrieb in der Kindheit in eine Reihe von sogenannten Partialtrieben zerfällt, die zwar miteinander verbunden sind und in ihrer Stärke von den Schicksalen der einzelnen Triebe abhängen, aber dennoch jeder für sich nach Befriedigung streben. Unter diesen Partialtrieben kennt man besonders gut auch den Schautrieb und die Zeigelust, deren Triebziel das Betrachten, bzw. das Zeigen erotisch betonter Körperteile, insbesondere der Geschlechtsorgane, ist. Dieser Trieb pflegt unter den Erziehungsbedingungen, wie sie heute fast durchwegs gegeben sind, sehr bald der Unterdrückung zum Opfer zu fallen. Das Kind macht rasch die Erfahrung, daß es weder seine Geschlechtsorgane zur Schau stellen noch die von anderen Personen betrachten darf, und entwickelt daraus zweierlei Empfindungen: Erstens die, etwas streng Verpöntes zu tun, wenn es seinem Verlangen dennoch nachgibt, wobei es Schuldgefühle produziert; zweitens bekommt mit den verhüllten und tabuisierten Genitalien alles Sexuelle einen mystischen Charakter, und dementsprechend verwandelt sich die ursprünglich natürliche Schaulust in lüsterne Neugierde. Um sich dem Konflikt zwischen Schaulust und Schauverbot zu entziehen, muß das Kind den Antrieb verdrängen. Je nach dem Umfang und dem Grad der Verdrängung wird entweder die Scheu und Schamhaftigkeit oder die Lüsternheit stärker entwickelt. Gewöhnlich bestehen beide nebeneinander, wodurch an die Stelle des alten ein neuer Konflikt tritt. Für die weitere Entwicklung gibt es zwei extreme Möglichkeiten: Entweder das Entstehen einer Schädigung des Liebeslebens und neurotischer Symptome durch Beibehalten der Verdrängung der Zeigelust oder aber Entstehen einer Perversion, des Exhibitionismus. Welcher von den beiden möglichen Ausgängen sich ergibt, läßt sich nie mit Sicherheit voraussagen. Die Entwicklung einer weder das soziale Sein noch das subjektive Befinden störenden Sexualstruktur aus der sexualverneinenden Erziehung ist fast nur Sache des Zufalls und des Zusammenspiels vieler anderer Faktoren, wie Schicksale der Pubertät, Lösung von der elterlichen und teilweisen Überwindung der gesellschaftlichen Autorität, vor allem aber die Findung eines Weges zu einem gesunden Geschlechtsleben.
Wir sehen also: Die Unterdrückung der Schau- und Zeigelust führt zu Resultaten, die kein Erzieher für wünschenswert halten kann.
Die bisherige Sexualerziehung geht durchwegs von negativen Wertungen der Sexualität und von ethischen, nicht hygienischen Argumenten aus. Ihr Ergebnis sind Neurosen und Perversionen. Die Nackterziehung verneinen, heißt implizite der üblichen Sexualerziehung beistimmen, denn jene ist von dieser nicht getrennt zu behandeln. Die Nackterziehung hingegen bejahen und im übrigen die Sexualerziehung und die Erziehungsziele unangetastet lassen, hieße einen Widerspruch setzen, der von vornherein jeden praktischen Versuch entweder illusorisch machen oder aber den Zögling in noch schwierigere Situationen bringen würde. Ein Kompromiß aber auf dem Gebiete der Sexualerziehung ist aus der dem Sexualtrieb immanenten Gesetzmäßigkeit kaum möglich. Daß man, ehe man die Frage der Nackterziehung überhaupt stellt, sich zunächst eindeutig für Sexualbejahung oder Sexualverneinung, gegen die herrschende Sexualmoral oder für sie entscheidet, daß man zumindest erkennt, daß ohne eine derartige Klarheit über die eigene Stellung zur Sexualfrage jede Diskussion fruchtlos wird, ist die Voraussetzung für eine Verständigung in diesen Dingen. Wohin aber eine solche Klärung der Voraussetzungen führt, soll hier gezeigt werden.
Wir nehmen also an, daß wir die sexualverneinende Erziehung wegen der gesundheitlichen Gefahren ablehnen, uns also für das Gegenteil, die sexualbejahende Erziehung, entscheiden. Man wird dann vielleicht sagen, das sei gar nicht so gefährlich, man erkenne den Wert der Sexualität an und müsse nur die Sublimierung der Sexualität fördern. Darum handelt es sich hier aber gar nicht. Nicht um die Sublimierung geht es, sondern um die ganz konkrete Frage, ob die Geschlechter ihre Scheu, die Genitalien und die übrigen erotisch betonten Körperstellen zu entblößen, verlieren sollen oder nicht; noch konkreter, ob Erzieher und Zöglinge, Eltern und Kinder, Badende und Spielende nackt oder in Schwimmgewändern vor einander erscheinen sollen, ob das Nacktsein zur Selbstverständlichkeit, werden soll. Wer die Selbstverständlichkeit des Nacktseins beim Baden, Spielen usw. bedingungslos anerkennt — und eine bedingte Bejahung hat ihren Platz nur in den derzeit immer gehäufter auftretenden Vereinen für Nacktkultur — wer also nicht Inseln in der gesellschaftlichen Moral, sondern Allgemeinheit der Nackterziehung erstrebt, wird die Beziehung der Nacktheit zum übrigen Sexualleben prüfen und sich entscheiden müssen, ob auch die Konsequenzen solcher Bestrebungen — sehen wir zunächst von ihrer Durchführbarkeit ab — in der Richtung seiner Absichten liegen.
Die psychoanalytische Erfahrung lehrt, daß Sexualunterdrückung krank, pervers oder lüstern macht. Erfahrungen über eine gegenteilige Erziehung liegen nicht vor. Aber versuchen wir, die Bedingungen und Folgen einer sexual bejahenden Erziehung zu erraten. Zeigt man dem Kinde gegenüber keine Scham hinsichtlich der Genitalien, so wird es zwar keine Schüchternheit und Lüsternheit produzieren, es wird aber sicher, nachdem seine sexuelle Neugierde befriedigt und daher herabgesetzt wurde, auch seine sexuelle Wißbegierde befriedigt haben wollen. Man wird ihm das schwer abschlagen können, denn sonst würde ein weit schwererer Konflikt gesetzt, und das Kind hätte weit mehr Mühe, zu verdrängen. Überdies bestünde die Gefahr der Perversion in höherem Maße. Man dürfte dann natürlich auch nichts gegen die Onanie einzuwenden haben — die man ja längst in der Analyse als harmlos erkannt hat — und dem Kinde könnte dann auch der Vorgang der Zeugung nicht unerklärt bleiben. Um die Forderung des Kindes, diesen Vorgang auch zu sehen, könnte man sich herumdrücken, wenn die Beziehungen so sind, daß man das Kind leiten kann. Das würde aber zweifellos bereits eine Einschränkung der Sexualbejahung bedeuten, denn was könnte man einem zynischen Sexualethiker erwidern, der nun fragte, warum denn das Kind den Geschlechtsverkehr nicht sehen sollte. Belauscht habe ihn ja fast jedes Kind, auch der bestsituierten Familie, wie die analytische Erfahrung behauptet, also warum nicht auch sehen dürfen? Und in besondere Verlegenheit könnte uns unser Sexualethiker versetzen, wenn ihm die Frage einfiele, was denn gegen das Mitansehen des Aktes vom Standpunkt des Kindes, das diesen Vorgang oft auf der Straße zwischen Hunden sich abspielen sehen kann, einzuwenden wäre, wenn man es folgerichtig auch darüber aufgeklärt hat. Wir müßten dann, hätten wir den Mut, ehrlich zu sein, bekennen, daß wir ein Argument dagegen nicht anzuführen wissen, es sei denn ein ethisches — was ja wieder die Position unseres Gegners der Nackterziehung stärken würde, oder wir brächten den Heroismus auf, zuzugeben, daß wir ja gar nicht im Interesse des Kindes, sondern in dem unseres Strebens nach ungestörter Lust handeln, wenn wir es nicht zusehen lassen wollen. So in die Enge getrieben, bliebe uns nur die Alternative, entweder uns wieder zur Sexualethik — die ja notwendigerweise immer sexualverneinend sein muß, weil eine sexualbejahende Ethik nicht prinzipiell aber de facto eine contradictio in adjecto ist — zu bekehren, oder aber an die heikelste aller Fragen, die nach der Stellung zum Geschlechtsverkehr, heranzutreten. Wenn wir uns aber dazu entschließen, müßten wir uns dessen vergewissern, daß die Staatsanwaltschaft nichts davon erfährt, die dann unweigerlich den Sittlichkeitsparagraphen in Anwendung brächte.
Wer nun behaupten will, daß wir übertreiben, den bitten wir, ein Stück weit noch mit uns zu gehen, um sich zu überzeugen, daß die Nackterziehung — sachlich und sinnvoll durchgeführt — vorläufig Erzieher und Zögling in den Kerker führt.
Nehmen wir, eine Konzession machend, an, wir hätten das Kind in unserem geschlechtlichen Interesse davon abgebracht, den Geschlechtsakt mitansehen zu wollen, so würden wir uns in unlösbare Widersprüche verwickeln und alles, was wir begonnen und mühselig erarbeitet haben, sofort über Bord werfen, wenn wir auf die unausweichliche Frage des Kindes, wann es dasselbe werde machen können, nicht eine strikte und der Wahrheit entsprechende Antwort gäben. Es hat ja erfahren, daß die Kinder im Leibe der Mutter wachsen, hat auch sehr gut verstanden, daß zu diesem Zwecke der Vater sein Lulu oder Wipfi in das Locherl der Mutter gesteckt hat. Und wenn die Eltern mutig waren, haben sie ihm auch mitgeteilt, daß das „gut ist”, so wie wenn es mit seinem Lulu spielt. (Man vergesse nicht, daß wir sinnvoll, das heißt konsequent, und nicht sinnlos handeln wollen, wenn wir aufklären!) Wenn es das aber weiß, dann werden wir es vielleicht nur für kurze Zeit aufs „Großsein” vertrösten können; kommt es in die Pubertät, treten geschlechtliche Erregungen, Erektionen, Samenergüsse, bzw. Menstruation auf, so wird es sicher den Wechsel einfordern, den man ihm in der Kindheit ausgestellt hat. Wollten wir dann hinauszuschieben trachten, so träte unser Sexualethiker, der uns unbedingt ad absurdum führen will und dem das sehr gut gelingt, auf mit der folgerichtigen Frage, die nur ironisch klingen würde, was wir denn gegen den Geschlechtsakt in der Zeit der Sexualreife einzuwenden hätten. Er wird sich mit gutem Recht darauf berufen, daß im Industrieproletariat, soweit es nicht von kirchlicher und bürgerlicher Moral durchdrungen ist, und in der Bauernschaft der Beginn des Geschlechtslebens mit der vollen Sexualreife, also etwa im 15. oder 16. Lebensjahr, zu den Selbstverständlichkeiten gehört. Wir werden uns zweifellos bei dem Gedanken, daß unsere Söhne und Töchter mit 15 oder 16 Jahren, vielleicht sogar schon früher, auf dem Recht ihres natürlichen Sexualverlangens beharren könnten, peinlich berührt fühlen und werden nach einigem Zögern der Verlegenheit nach Argumenten für eine nicht sehr aussichtsreiche Position suchen. Es wird uns etwa das Argument der „kulturellen Sublimierung einfallen: Askese in der Pubertät sei notwendig für die geistige Entwicklung. Man werde halt die Jugend (die bisher in zwangloser Körperlichkeit aufgewachsen ist!) vernünftig zu beeinflussen trachten, ihnen die Enthaltsamkeit „eine Zeitlang” in ihrem eigenen Interesse empfehlen. Unser boshafter und gut orientierter Sexualethiker wird aber zwei Argumente ins Feld führen, denen wir nicht mehr gewachsen sein werden. Erstens, das mit der Askese stimme nicht, denn es gäbe Sexuologen und Analytiker, die ernstlich behaupten, daß fast 100 Prozent aller Puberilen onanieren, und er könne den prinzipiellen Unterschied zwischen Sexualakt und Onanie nicht sehen. Im Gegenteil, die Onanie erledige nicht nur die sexuelle Spannung unter gewöhnlichen Bedingungen genau so wie der Sexualakt, sie sei sogar mit unendlich mehr Konflikten verknüpft als dieser, also sicher noch störender. Zweitens, — wird er im Anschluß daran mit Recht einwenden, — wenn die Behauptung über die Ubiquität der Onanie richtig sei, so könne auch die These von der Notwendigkeit der Askese für die geistige Entwicklung nicht stimmen. Er habe auch einen Analytiker behaupten gehört, daß nicht die Onanie, sondern im Gegenteil ihr Ausbleiben in der Kindheit und Pubertät ein schwer pathologisches Zeichen sei, und daß man noch nicht habe feststellen können, daß die asketisch lebenden Puberilen auf die Dauer auch die geistig regsameren wären, ja das Gegenteil hievon, so behaupten einige, sei wahr. Uns könnte bei dieser Gelegenheit sogar einfallen, daß Freud einmal die allgemeine geistige Inferiorität der Frauen auf ihre größere sexuelle Denkhemmung zurückgeführt und ebenso behauptet hat, daß das sexuelle Leben vorbildlich sei auch für die soziale Leistung. Den blitzartigen Gedanken, daß Freud geirrt haben könnte, werden wir aufgeben, wenn wir auf unsere analytische Praxis zurückblicken, die keinen Zweifel darüber läßt, daß nicht die befriedigte, sondern die unbefriedigte Sexualität die geistige Leistung stört.
Und auf die paar schlechten Gedichte, die bei Askese gelegentlich entstehen, kommt es doch nicht an.
Nunmehr intellektuell überzeugt, werden wir uns auf die Motive unserer haltlosen Argumentation besinnen und dabei allerlei interessante und für uns nicht sehr angenehme Tendenzen finden, Tendenzen, die zu unserer Überraschung gar nicht recht zu unseren Nackterziehungsbestrebungen passen wollen. Unser Argument von der geistigen Entwicklung wird sich als Rationalisierung einer unbewußten Scheu entpuppen, der Sexualität ihren natürlichen Lauf zu lassen. Das werden wir unserem Ethiker wohlweislich verschweigen, ihm aber aufrichtig die Nichtigkeit unserer Argumente zugeben und ein ernsteres vorbringen. Was soll denn mit den Kindern geschehen, die diesen ersten Verbindungen entstammen werden? Es bestehe doch keinerlei wirtschaftliche Möglichkeit, sie aufzuziehen. Verwundert wird unser Gegner fragen, warum wir denn nicht alle Schulkinder in der Pubertät über den Präventivverkehr aufklären wollen. Eine Vision des Kuppeleiparagraphen wird uns wieder auf den Boden der Wirklichkeit, der gesellschaftlichen Realität, stellen. Dabei wird uns noch allerhand einfallen, wie daß wir zum Beispiel mit unseren Bestrebungen der Nackterziehung, sexuellen Aufklärung — nicht über die Befruchtung der Blumen, sondern der Menschen! — und anderen schönen Dingen mehr, einen Stein nach dem anderen aus dem ganzen Gebäude der bürgerlichen Moral zu ziehen im Begriffe sind, daß dann das Ideal der unberührt in die Ehe tretenden Jungfrau ebenso seinen Halt verliert wie das der Dauermonogamie und mit diesem das der Ehe überhaupt. Denn daß Menschen, die eine ernstzunehmende, kompromißlose, wissenschaftlich fundierte, das heißt wahre Sexualerziehung genossen haben, sich dem Zwang der heute herrschenden Sitte und Moral fügen, wird kein Vernünftiger behaupten wollen.
Triumphierend wird unser Ethiker, der uns dorthin gebracht hat, wo er uns haben wollte, fragen, ob wir denn glauben, daß sich irgendeine der Forderungen, die sich aus dem ersten ernsten Ansatz, der aufrichtigen Sexualerziehung, automatisch ergeben und innerhalb weniger Jahre ergeben werden, in der bestehenden Gesellschaft wird durchsetzen lassen, ja ob wir selbst uns Rechenschaft darüber gegeben haben, ob wir das alles auch für wünschenswert halten. Er wird wieder mit vollem Recht hinzufügen, er habe uns nur beweisen wollen, daß man alles lassen müsse wie bisher, die sexualverneinende Erziehung, die Sexualverdrängung, die Neurosen, die Perversionen, die Prostitution und die Geschlechtskrankheiten, wenn man, wie er von uns erwarte, die hohen Güter der Ehe, der Keuschheit, der Familie und die bürgerliche Gesellschaft unangetastet lassen will. Mancher Nacktheitsfanatiker wird darauf die Flucht ergreifen, und — er wird ehrlicher und bewußter handeln, rascher seinen wahren Standpunkt begriffen haben, als derjenige, welcher, um das Gefühl seiner Fortschrittlichkeit nicht zu verlieren, sich auf die Behauptung versteifen wird, das alles sei ja übertrieben, die Nackterziehung könne gar nicht solche Wirkungen haben, sie sei gar nicht so bedeutungsvoll. Jetzt fragen aber wir: Wozu dann überhaupt die Anstrengung?
Das einzelne Elternpaar wird die Erziehung seiner Kinder nach seinem Geschmacke und seiner Überzeugung einrichten können. Die Eltern werden sich dabei bewußt sein müssen, daß sie bei konsequenter, wissenschaftlich gegründeter Sexualerziehung auf vieles werden verzichten müssen, was sonst Eltern an ihren Kindern hoch einzuschätzen pflegen, etwa Anhänglichkeit an die Familie lange über die Pubertät hinaus, ein nach den heutigen Begriffen „anständiges” Sexualleben der Kinder, Einflußnahme auf die lebenswichtigen Entscheidungen, nach bürgerlichen Begriffen gute Verheiratung der Töchter und anderes mehr. Die wenigen Eltern, die ihrer Überzeugung nach handeln und erziehen werden, verschwinden völlig in der Masse, haben vor allem keinen gesellschaftlichen Einfluß. Sie werden aber auch daran denken müssen, daß sie ihre Kinder schweren Konflikten mit der bestehenden Gesellschaftsordnung und -moral aussetzen, wenn auch vielleicht neurotische Konflikte dadurch erspart werden. Wer aber, mit dieser Gesellschaft unzufrieden, glaubt, durch Wirkung in großem Maßstabe, etwa in Schulen, am Bestehenden rütteln zu können, wird bald zu spüren bekommen, daß ihm entweder durch Entzug seiner Existenzbedingungen oder durch weit schärfere Maßnahmen (Psychiatrie oder Kerker) die Möglichkeit genommen werden kann, mit uns darüber zu diskutieren, ob seine Methode, die Gesellschaft zu ändern, auch die passende ist. Wir brauchen hier keine Beweise dafür anzuführen, daß die Gesellschaftsschicht, die am Bestehen der gegenwärtigen Ordnung materiell interessiert ist, wohl solche reformerische Bestrebungen duldet, ja fördert, die unwichtige Spielereien sind, daß sie aber sofort brutal wird und die ihr reichlich zu Gebote stehenden Mittel der Verhinderung anwendet, sobald es sich um ernste Absichten handelt, am Bestand ihrer materiellen und der dazugehörigen ideellen Werte zu rütteln.
Die Nacktheitserziehung und mit ihr die gesamte Sexualerziehung sind meiner Überzeugung nach ungemein ernste und weit folgenschwerere Probleme, als die meisten Sexualreformer wähnen. Und eben deshalb geht es auf diesem Gebiete gar nicht vorwärts, trotz aller Erkenntnisse und Mittel, die uns die Freudsche Sexualforschung und Kinderpsychologie zur Verfügung gestellt hat. Wir haben mit einem machtvollen gesellschaftlichen Apparat zu kämpfen, der vorläufig passive Resistenz leistet und bei der ersten ernsten Bestrebung unsererseits zur aktiven Resistenz übergehen wird. Und alles Zögern und Vorsichtigsein, alle Unentschiedenheit und Neigung zu Kompromissen in Fragen der Sexualerziehung läßt sich nicht nur auf die eigenen Sexualverdrängungen, sondern unbeschadet der Ehrlichkeit der pädagogischen Bemühungen auf die Scheu zurückführen, mit dem bürgerlichen Staatsapparat in ernsten Konflikt zu geraten.